Dieser Reisebericht entstand bereits 2017, wurde aber dann nicht mehr veröffentlicht, weil wir auf eine andere Plattform umgestellt haben. Vielleicht habt Ihr ja trotzdem Spaß dran...

"Der Schöpfer hat Italien nach Entwürfen von Michelangelo gemacht." (Mark Twain)

Der Blick auf die Wetteraussichten lässt mich ernsthaft zweifeln. 40°C plus sind - vor allem in Motorradklamotten - harter Tobak für jemanden, der Temperaturen über 15°C prinzipiell pervers findet. Die Aussicht auf Dolce Vita und eine ordentliche Dosis Kultur, irgendwo zwischen Etruskern und Renaissance, lässt mich aber dann doch schwach werden. Zum Glück...

Bereits beim Start am frühen Morgen ist uns das Wetter gewogen. Schöner kann ein Urlaub eigentlich nicht starten. Das entschädigt etwas für den Stress im Vorfeld. Zuerst musste ungeplant ein neuer Helm her, dann macht am Vortag überraschenderweise die Batterie schlapp. Natürlich sind sämtliche Motorradwerkstätten vor Ort wegen Urlaub geschlossen. Toll. Also ins Auto und ab nach Regensburg. Dort erobere ich - im dritten Geschäft - den letzten passenden Großakku. Puh...

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Die geplante Strecke führt mit insgesamt ca. 2500km in 10 Etappen von Weiden über den Brenner an den Gardasee, dann durch den Toskanisch-Emilianischen Apennin weiter nach Lucca. Über Pisa, Florenz, und die Region Chianti geht es durch die Toskana bis Siena und (eigentlich) über Venedig wieder zurück. Soweit die Idee.

Tag 1: Weiden - Tignale

Bis zum Brennerpass nehmen wir die Autobahn. Nicht spannend, aber schnell. Dann beginnt die Kurvenjagd. Über die alte Brennerstraße geht es weiter nach Sterzing und über den Jaufenpass ins Passeiertal bis nach Meran. Einige Kollegen auf zwei Rädern sind hier ähnlich suizidal veranlagt, wie auf den einschlägigen Rennstrecken im Bayerischen Wald oder der Fränkischen Schweiz. Wer's braucht...

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Wir überqueren den Gampenpass und fahren vorbei am Lago Di Santa Giustina und dem Lago Di Molveno an den Gardasee. Endstation der ersten Etappe ist der Ort Tignale, der am Westufer über dem See thront. Das letzte Stück der Strecke über die Gardasena Occidentale ist noch einmal ein Highlight der landschaftlich ohnehin grandiosen Route.

Tag 2: Gardasee

Kein Wunder, dass sich die Region um den Gardasee großer Beliebtheit erfreut. Wir nutzen den Tag, um bei strahlendem Sonnenschein eine kleine Runde um die Nordhälfte des Sees zu drehen.

Auf dem Programm steht eine Fährüberfahrt von Toscolano Materno nach Tori Del Benaco. Nach dem Besuch von Malcesine fahren wir über Torbole und Riva Del Garda zurück zum Quartier. So langsam schaltet mein Kopf auf Urlaub. So soll es sein.

Tag 3: Durch die Po-Ebene und über den Toskanisch-Emilianischen Apennin nach Lucca

Heute ist ›Tag der Umleitungen‹. Während sich das Navi ob der vielen unfreiwilligen Streckenänderungen schwindelig rechnet, schmoren wir bei durchschnittlich 38°C im eigenen Saft. Die offene Landschaft der Po-Ebene ist diesbezüglich nicht sonderlich hilfreich.

Relativ ausgedörrt erreichen wir am späten Vormittag Brescello. Lesern in meinem Alter (oder darüber) kommt der Name vielleicht irgendwie bekannt vor. Der Ort am Po ist Schauplatz der fünf zwischen 1951 und 1965 verfilmten Geschichten um Don Camillo und Peppone, die auf den Romanen von Giovannino Guareschi basieren. Wer die Filme kennt, dem kommt die Stadt mit knapp 6000 Einwohnern erstaunlich bekannt vor. Es ist beinahe so, als wollte der Ort die Atmosphäre der Filme konservieren. Die Zeit scheint sich hier seitdem nicht sonderlich beeilt zu haben.


Auch ohne den optionalen Führer zu den Schauplätzen der Filme, der im entsprechenden Museum erhältlich ist, kann man viele der Locations und Gebäude sofort wieder erkennen. Das Schöne dabei: Der Ort ist touristisch alles andere als überlaufen, so daß man in aller Ruhe durch die Gassen flanieren kann.

Wir nutzen den Stopp auch, um unser Flüssigkeitsniveau wieder auf ein lebensfähiges Level zu heben. Ein kleiner Imbiss (wahlweise im Café Don Camillo oder dem Café Peppone) ist günstig zu haben und jeweils durchaus empfehlenswert.

Weiter geht die Reise mit dem nächsten landschaftlichen Highlight. Der Nationalpark ›Appennino tosco-emiliano‹ ist reich an Wäldern und engen kurvigen Straßen. Dazwischen prägen schroffe Berge und prärieartige Flächen das Landschaftsbild. Siebzig Prozent der Gesamtfläche des Parks liegen in der Emilia-Romagna, der Rest in der Toskana.

Ein kurzer Halt bei der sehenswerten Ponte della Maddalena, einer Steinbogenbrücke aus dem 14. Jahrhundert, die auch als ›Ponte del Diavolo‹ bekannt ist, ist für heute der letzte Programmpunkt. Der Name ›Teufelsbrücke‹ stammt übrigens von einer Legende, die in verschiedenen Varianten erzählt wird: Die Arbeiten an der Brücke stellten sich als überaus schwierig heraus. Der Baumeister wurde sich schnell bewusst, dass er die Brücke nicht zum vereinbarten Termin würde fertigstellen können. Als er eines Abends alleine am Ufer des Serchio saß, erschien ihm der Teufel. Dieser bot ihm an, die Brücke in einer Nacht fertigzustellen, wenn er dafür als Lohn die Seele des ersten Lebewesens erhalten würde, das die Brücke überquert. Der Pakt wurde geschlossen und der Teufel hob in einer Nacht das Gewölbe des großen Bogen mit seiner Gabel an. Der Erbauer hatte Gewissensbisse und beichtete einem Priester seinen Pakt. Dieser riet ihm, den Deal einzuhalten, aber vorsichtshalber zuerst ein Schwein über die Brücke zu schicken. Am nächsten Tag trieb der Erbauer also zuerst das Tier über die Brücke. Die Legende besagt, dass der Teufel über diese List so wütend war, dass er sich von der Brücke in die Serchio warf und sich in der Gegend nie mehr blicken ließ. Jedem Regensburger oder Frankfurter sollte diese Geschichte ziemlich bekannt vorkommen...

Tag 4: Von Lucca über Pisa nach Florenz

Leider fällt Lucca selbst dem Reiseplan zum Opfer. Macht nichts. Wir kommen wieder. Die Stadt lohnt definitiv einen weiteren Besuch. Diesmal bleibt es bei einem (viel zu kurzen) Zwischenstopp.

Die erste richtige Station des Tages ist Pisa. Eines vorneweg: Die Gegend um den Dom und den berühmten Schiefen Turm kann man mögen - muss man aber nicht. Das liegt nicht etwa daran, dass diese Attraktionen nicht sehenswert wären, sondern an den Heerscharen von Touristen, die sich auf einem relativ kleinen Raum konzentrieren und den Großteil ihrer Zeit mit dem Anfertigen der ebenso beliebten wie peinlichen ›Seht-her-ich-stütze-den-Turm-Bilder‹ verbringen. Man wühlt sich bei der Besichtigung durch ganze Horden aller Nationen und es kann ob der hiesigen Preisgestaltung (seien es Eintrittspreise oder Nahrungsmittel) nicht schaden, die Nummer der Kreditkarte als Tattoo auf dem Unterarm zu tragen.

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Die gute Nachricht: Verlässt man die obligatorischen Pfade, dann hat sich Pisa eine angenehme Ursprünglichkeit bewahrt. Dort, wohin sich die Menschenmassen nur selten verlaufen, normalisieren sich das Leben (und die Preise) recht schnell. Der Aktionsradius der Touristenströme ist dabei ziemlich überschaubar. Insbesondere der Wochenmarkt ist in diesem Kontext eine Empfehlung.

Am Nachmittag verlassen wir Pisa in Richtung Florenz, wo wir am frühen Abend eintreffen. Das Quartier entpuppt sich dabei als absoluter Glückstreffer. Hinter einer eher unattraktiven Häuserfassade, versteckt sich ein begrünter Innenhof mit Dachterrasse, in dem sich unser Appartement befindet. Klasse.

Tag 5: Florenz

Für Florenz benötigt man, will man sich auch nur einen Teil der unzähligen Sehenswürdigkeiten verabreichen, mehrere Tage. Wer gerne seine Zeit mit Shoppen verbringt, wird ebenfalls glücklich werden - das entsprechende Kleingeld vorausgesetzt. Da mich Designerklamotten und Handtaschen eher peripher tangieren (und der Gesichtsausdruck meiner Frau vermuten lässt, dass sie mir den Hals umdreht, wenn ich die nächste mechanische Uhr nach Hause schleife) konzentrieren wir uns auf das Kulturprogramm.

Nach einem schnellen Espresso besuchen wir die Uffizien, eine der bekanntesten Kunstgalerien überhaupt. Cosimo I. de’ Medici, Großherzog der Toskana, begann 1559 damit, die wichtigsten Ministerien und Ämter (uffici) in einem Bau zusammenzufassen. Francesco de’ Medici, Cosimos Nachfolger, hatte bereits 1570 einen Raum für seine Kunstsammlung im Palazo Vecchio eingerichtet. 1580–1588 wurde durch Buontalenti im Obergeschoss der Uffizien die berühmte Tribuna errichtet, ein Raum mit achteckigem Grundriss, in dem diverse Kunstwerke öffentlich zugänglich gemacht wurden. Parallel dazu präsentierte man im Bogengang des Obergeschosses, der galleria, eine Sammlung weiterer Kunstwerke. Die letzte Repräsentantin des Hauses Medici, Anna Maria Luisa de Medici, vermachte das persönliche Eigentum der Familie der Stadt Florenz – unter der Bedingung, dass man es niemals aus der Stadt entfernen würde. Nach ihrem Tod im Jahre 1743 wurden die Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ein Rundgang durch die Stadt führt uns zum Palazzo Veccio, dem Sitz des Stadtparlaments und Mittelpunkt der weltlichen Macht im Florenz des 14. Jahrhunderts. Heute dient er als Rathaus. Die Ponte Vecchio, die als eine der ältesten Segmentbogenbrücken der Welt gilt, ist unser nächstes Ziel. Ursprünglich waren auf der Brücke hauptsächlich Schlachter und Gerber ansässig. Sie wurden 1565 von Cosimos I. de’ Medici per Dekret durch Goldschmiede ersetzt, da diese - wohl hinsichtlich der Geruchsentwicklung - sozialverträglicher erschienen. Noch heute befinden sich zahlreiche Juweliere in den kleinen Läden auf der Brücke. Über den Domplatz, gelangen wir zur Markthalle am Piazza del Mercato Centrale. Die gesamte Fläche ist ein einziges Sammelsurium an verschiedenen Ständen, die alle erdenklichen Leckereien anbieten. Das Mittagessen ist gesichert.

Den Abschluss des Tages bildet der Besuch des Piazzale Michelangelo, einem empfehlenswerten Aussichtspunkt, wo wir das Panorama der Stadt genießen.

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Tag 6: Chinati

Nach dem Trubel der Städte sind ab heute zwei Tage Kontrastprogramm angesagt. In der Region Chinati, von der der gleichnamige Wein seinen Namen hat, erwarten uns eine Besichtigung des Weingutes ›Castello di Verrazano‹ und die Ruhe und Abgeschiedenheit der Weinberge.

Das Weingut stellt neben seinen Weinen (Tipp: Chianti Classico Riserva) einen sensationellen Balsamico her. Zu Tinas Enttäuschung ist wegen der anhaltenden Trockenheit kein Honig aus eigener Herstellung aufzutreiben, aber das im Anschluss an die Führung angebotene Essen mit Spezialitäten der Region ist Entschädigung genug.

Unser Quartier nahe Greve in Chinati, das nur über eine schmale und steile Schotterpiste zu erreichen ist (die nach Geländebereifung schreit), hat neben Fernseh- auch Familienanschluss und ist ein echter Geheimtipp. Eine eigene Terrasse, ein kleiner Pool und die Versorgung mit Selbstgemachtem durch die Gastgeber, runden den Aufenthalt ab. Die stimmungsvollen Sonnenuntergänge tun ihr übriges, damit wir uns richtig wohl fühlen.

Tag 7: Volterra & San Gimignano

Ein Tag, zwei tolle Städte, 42° Celsius. Das Deo hält.

Volterra atmet förmlich die lange Geschichte, auf die der Besucher hier zurückblicken kann. Bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. entstand der Ort aus der Verbindung mehrerer kleiner etruskischer Siedlungen, deren Existenz bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurück datiert werden kann. Die Stadt war eine der ältesten und größten der zwölf Bundesstädte Etruriens. Später wurde Volterra römisch. Ihre hohe Lage machte die Stadt zu einer starken Festung, die Sulla im ersten Bürgerkrieg erst nach zweijähriger Belagerung 79 v. Chr. einnehmen konnte. Im 12. und 13. Jahrhundert war Volterra sogar Republik, bevor es im 14. Jahrhundert an Florenz fiel. Auf einem Spaziergang durch die verwinkelten Gassen gibt es allerlei Sehenswertes zu entdecken und auch die kulinarische Landschaft muss sich nicht verstecken. Die in der gesamten Toskana allseits beliebten Gerichte mit Wildschwein sind ein echter Geheimtipp und werden in mehreren Lokalen zu fairen Preisen angeboten. Dass Wunsiedel (Hallo, Heimatlankreis!) die Partnerstadt Volterras ist, erfahren wir, als wir unvermittelt und ziemlich überrascht vor dem Straßenschild der ›Viale Wunsiedel‹ stehen. Die Welt ist eben ein Dorf.

San Gimignano steht der Schönheit Volterras nicht nach. Die ›Stadt der Türme‹, auch ›mittelalterliches Manhattan‹ genannt, ist seit 1990 Teil des Weltkulturerbes der UNESCO. Zu verdanken ist dies im Grunde dem Größenwahn und der Prahlerei diverser Kaufmannsfamilien. Im Mittelalter versuchten Patrizierfamilien, sich in der Höhe ihrer jeweiligen Geschlechtertürme (quasi die SUVs von damals) zu übertreffen. Reine Prestigeobjekte der Kategorie: ›Meiner ist größer‹. Von den ursprünglich 72 Geschlechtertürmen existieren in San Gimignano heute noch 15. Die beiden höchsten - der Torre Grossa aus dem Jahr 1311 und der Torre della Rognosa - weisen eine Höhe von stolzen 54 bzw. 51 Metern auf. Immerhin verleihen die Bauten der Stadt eine tolle Skyline und eine besondere Atmosphäre. Daher ist San Gimignano touristisch ziemlich gut besucht, so daß man sich wiederum auf weniger ausgetretene Pfade begeben sollte.

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Tage 8 & 9: Siena

Immer noch 42°C. Über Monteriggioni, das durch seine Erwähnung in Dantes Göttlicher Komödie Bekanntheit erlangte, geht es heute nach Siena.

Letztere gilt (nicht zu Unrecht) als eine der schönsten Städte der Toskana und ist neben Florenz das kulturelle Zentrum der Region. Von den 55.000 Einwohnern Sienas studieren knapp 20.000 an einer der ältesten Universitäten Italiens, die aus dem Jahr 1240 stammt. Da die Altstadt (seit 1995 Weltkulturerbe der UNESCO) in weiten Teilen für den Autoverkehr gesperrt ist, macht die Erkundung derselben zu Fuß besonders viel Spaß. Das Zentrum Sienas bildet die Piazza del Campo, auf der auch der traditionelle Palio di Siena, das weltbekannte Pferderennen, stattfindet. Anders als bei vielen bekannten Plätzen Italiens grenzt die Piazza nicht an eine Kirche, sondern an das Rathaus (Palazzo Pubblico). Ähnlich wie in Pisa gilt: Mit zunehmender Entfernung zum Zentrum fallen die Preise. Folgen Sie einfach den Studenten. Die wissen, wo man gut und günstig einkehrt. Ein kurzer Plausch (wahlweise auf italienisch oder englisch) und schon haben wir etwa acht Insidertipps für ein gutes Abendessen eingeholt. Wer in Bezug auf Kunst noch aufnahmefähig ist, findet auch in Siena zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Empfehlenswert ist etwa die Besichtigung der Fresken im Palazzo Publico. Daneben locken der Dom und das Ospedale Santa Maria della Scala, ein gigantisches Pilgerhospiz, das etwa das vierfache Bauvolumen der Kathedrale aufweist. Im Obergeschoss sind verschiedene Säle und Kapellen untergebracht. Der große Saal im Zentrum des Hospizes (Pellegrinaio) ist vollständig ausgemalt. Die Fresken stammen von Domenico di Bartolo oder auch Vecchietta und Priamo della Quercia. Besonders sehenswert sind auch die beiden Untergeschosse. Sie beherbergen viele Kunstwerke und eine interessante archäologische Sammlung. Wir sind jedenfalls mehrere Stunden mit der Besichtigung beschäftigt.

Sienna

Tag 10: Nach Hause

Leider nähert sich unser Urlaub auch schon wieder seinem Ende. Ursprünglich ist geplant, über Venedig und durch die Hohen Tauern zurück in die Heimat zu fahren, aber dann bricht ein Unwetter los, das angesichts der Hitze der letzten Tage irgendwie überfällig war...

Nun ist uns, als geübte Schottland und Irland Urlauber, Regen ziemlich egal, aber die Gewitterfront wird sich laut Wetterbericht die nächsten Tage nicht auflösen. Daher entscheiden wir uns an dieser Stelle den direkten Weg nach hause zu nehmen. Der Brenner empfängt uns mit strömendem Regen bei 8°C, welcher uns den restlichen Weg nach Weiden begleitet. That's life...

Fazit: Die Toskana ist immer eine Reise wert. Wir kommen wieder.