Subjektiv. Das beschreibt das, was nun kommt vielleicht am besten. Ich werde immer wieder gebeten, meinen Senf zu den „besten“ Outdoormessern abzugeben, was ich insofern schwierig finde, als zum einen das subjektive Empfinden hier eine größere Rolle spielt und zum anderen selbiges nicht zuletzt vom Anwenderverhalten und dem Anwendungsbereich abhängig ist.

Es gibt (vor allem) im Netz zahlreiche Messertests, von denen man die meisten getrost in der sprichwörtlichen Pfeife rauchen kann, wenn man auf eine praxisnahe Einschätzung Wert legt. Gelegentlich werden Messer verrissen, weil der jeweilige Tester offenbar schlicht keine Ahnung hat, was ein Messer ist und wie man es benutzt. In vielen Fällen haben die so abgekanzelten Werkzeuge nur ein Problem: den Dödel (oder die Dödelin) am Griffende.

Start Exkurs: Damit sind wir bei einem Problem, das weite Teile des virtuellen (und realen) Outdoorlebens betrifft, insbesondere die Bereiche Survival & Bushcraft: Es geht viel zu oft um Schauwerte. Wenn nicht spektakulär ein Panzer mit dem Schneidewerkzeug zerteilt wird, oder der nächste Experte Feuerholz aus dem Baumarkt „batont“, indem er mit einem Gegenstand seiner Wahl sinnfrei auf den Klingenrücken eindrischt, erhält man keine Aufmerksamkeit. Letztere Tätigkeit erschließt sich mir ohnehin nur bedingt. Auf keiner unserer Touren habe ich irgendetwas, irgendwo aus irgendeinem Grund „batont“. Dennoch hat man diese (in meinen Augen völlig überbewertete) Technik offenbar zum Maßstab aller Dinge in Sachen Outdoormesser erhoben. Meine Taktik ist in der Praxis eher, drei Meter weiter zu gehen und eben das nächst kleinere Stück Holz aufzuheben. Außer im „Toom Forest“ ist mir noch kein Wald begegnet, indem es nicht genügend Kleinzeug gäbe, das man bequem sammeln könnte. Große Äste lasse ich durchbrennen oder ich schiebe sie von außen ins Feuer nach. Wozu also die Turnübung? Weil es cool aussieht und man so kerniger rüberkommt? Man verwechselt hier das praxisferne Reenactment frei imaginierter Survivalsituationen offenbar mit Sachkenntnis. Sei es drum. Lange nicht jeder, der sich „Bushcraft Peter“ oder „Survival Heidi“ nennt, weiß, was er da tut. Allerdings - das sei hier ebenfalls erwähnt - gibt es auch die ein oder andere rühmliche Ausnahme. Jedenfalls, lieber Leser, solltest Du Dich von derartigen Darbietungen nicht verunsichern lassen. All das soeben Ausgeführte gilt übrigens auch für einschlägige Fernsehsendungen. Ende Exkurs.

Was soll also ein Messer können? Schneiden! Eigentlich banal, oder? Eine gewisse Stabilität ist nett und schnitthaltig sollte eine Klinge natürlich auch sein. Dennoch - und das ist ein viel zu häufig vernachlässigter Punkt - muss man noch ohne größeren Aufwand in der Lage sein, das Messer mit „Feldmitteln“ zu schärfen. Jede Klinge wird stumpf, und wenn ich eine Tormek brauche, um sie wieder in Stand zu setzen, dann ist das inmitten der isländischen Pampa eher problematisch. An dieser Stelle setzt regelmäßig eine nie versiegende Diskussion über Messerstähle ein, die in einschlägigen Foren oft zu hitzigen Debatten führt („Mein Stahl ist besser als Deiner… mimimi“). Daher (um es kurz zu machen und nicht meine gesamte Freizeit auf diese Unternehmung hier zu verwenden) mein Buchtipp:

Landes, Roman: Messerklingen und Stahl: Technologische Betrachtung von Messerschneiden. Wieland Verlag, Auflage: 2., vollst. überarb. (11. Juli 2006). ISBN-10: 3938711043, ISBN-13: 978-3938711040.

Der Klassiker. Lesen! Ende der Diskussion. Persönlich bevorzuge ich wegen ihrer Eigenschaften (erreichbare Schärfe, Zähigkeit, Schärfbarkeit) „Kohlenstoffstähle“, aber es gibt eine große Auswahl brauchbarer Werkstoffe für Klingen. Unter dem Strich finde ich die Handlage des Messers und die Geometrie der Klinge für die Auswahl meiner Messer entscheidender, als die Frage, ob die Klinge nun aus 1.2510, 12C27, CPM S30V oder LAM CoS besteht. All diese Stähle werden schneiden, mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen, auf die man sich mit etwas Erfahrung einstellen kann. Solange die Wärmebehandlung ordentlich durchgeführt wurde, kann nicht viel passieren. Die persönliche Vorliebe entscheidet.

Kommen wir zurück zum eigentlichen Anliegen des Artikels, der Vorstellung meiner sieben liebsten Messer, die immer wieder den Weg in den Rucksack oder an den Gürtel finden. Das ist - wie eingangs erwähnt - eine höchst subjektive Geschichte, aber ihr wolltet es ja so…

Das „Wurzelkraxler Waldzahn“

Wen das jetzt überrascht, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Natürlich ist unsere hausinterne Lösung derzeit am häufigsten mit auf Tour. Das Waldzahn, handgeschmiedet von Michael Ziegelböck, ist für mich ein ideales - weil vielseitig verwendbares - Outdoormesser. Der Flachschliff ist für Brotzeit und Essenszubereitung ebenso geeignet, wie für das Bearbeiten von Holz. Eine klasse Handlage für viele Handgrößen, ein Stahl der mich in der Anwendung mit erreichbarer Schärfe, Stabilität und Schnitthaltigkeit überzeugt und eine klasse Geometrie. Dabei ist das Messer nicht zu schwer und hat die (für mich) ideale Größe. Meine Messer wurden übrigens immer kleiner, je mehr Erfahrung ich sammeln konnte. Momentan schätze ich Klingen um die 10 cm am meisten (wobei es mir egal ist, ob es nun 8 cm oder 12 cm sind). Alles wesentlich darüber empfinde ich als eher unhandlich und der Anwendung nicht zuträglich, es sei denn, man hat etwas Spezielles mit dem Messer vor (das ist aber meine subjektive Meinung und wer gerne eine Machete verwenden möchte: Bitte…).


Das „Wurzelkraxler Modell EINS“

Etwas „bulliger“ und mehr auf „Bushcraft“ getrimmt, ist unser Modell EINS von Heiko Häß. Ebenfalls ein traumhaftes Werkzeug, das mich oft begleitet. Der 1.2510 ist nicht rostträge und benötigt etwas Aufmerksamkeit, aber mir ist noch kein Messer weggerostet (ich habe jedoch meine Messer auch noch nie in einer Tüte voll Salzwasser im Wald vergraben [augenroll]). Der Pflegeaufwand ist minimal. Leider ist Heiko vor kurzem verstorben und die Serie wird damit nicht weitergeführt. Es existieren noch genau drei Restexemplare, die zum Verkauf stehen.


Das Fällkniven F1x

Wer ballige Schliffe mag, dem kann ich die Messer von Fällkniven empfehlen. Ob F1 Pro, Embla (eine Schönheit) oder F1x, die Klingenform ist praktisch identisch und funktionell. Das Schärfen balliger Schneiden braucht etwas Übung, ist dann aber relativ einfach machbar. Der verwendete LAM CoS lässt sich dabei leicht bearbeiten und nimmt eine klasse Schärfe an. Unter den rostträgen Stählen einer meiner Favoriten.


Das Lionsteel B40

Zwei Dinge haben alle Messer aus der italienischen Schmiede gemeinsam: sie sind hinsichtlich des Designs eine Augenweide und makellos verarbeitet. Eines der Messer, das ich für überaus praxistauglich halte, ist das B40. Eine gute Größe, toller Grip und auch der verwendete Sleipner Stahl macht einen guten Eindruck.


Das Benchmade Bushcraft

Ich muss zugeben, es war Liebe auf den zweiten Blick. Als ich das Bushcraft von Designer Shane Sibert das erste mal in der Hand hatte, fand ich die vorne verdickte Griffform gewöhnungsbedürftig. Erst in der Anwendung wurde mir klar, dass dieses Detail hinsichtlich Kraftübertragung und Ergonomie seine Vorteile hat. Ein Messer, mit dem man lange ermüdungsfrei arbeiten kann. Der CPM S30V ist noch gut nachzuschärfen. Eine etwas preisgünstigere Alternative ist übrigens das Benchmade 200 Puukko aus CPM 3V. Sehr widerstandsfähig, scharf und gut zu bearbeiten.


Das Spyderco Bushcraft

Leider ist dieses wirklich tolle Messer aus O1 nicht mehr erhältlich. Selten hatte ich einen bequemeren Griff in der Hand. Der Scandi macht es zu einem regelrechten „Beisser“ wenn man damit Holz zu Leibe rückt. Der Stahl wird rasiermesserscharf und ist einfach nachzuschärfen. Sein indirekter Nachfolger, das „Proficient“ ist ebenfalls ein hervorragendes Messer, aber der CPM S90V ist ein Alptraum, wenn es ums Bearbeiten geht. Ohne Diamant ist die Klinge kaum zu beeindrucken. Der Nachteil aller Messer von Spyderco ist der Preis, den man in deutschen Laden auf den Tresen legen muss. Das erwähnte Proficient liegt bei einem UVP von 490 EUR. Angesichts der Tatsache, dass unser handgeschmiedetes Waldzahn im Vergleich „nur“ mit 295 EUR zu Buche schlägt, vermag sich mir der Preis für ein in Taiwan gefertigtes Serienmesser nur bedingt zu erschließen. Hinweis: Die Fertigung in Taiwan ist kein Makel, was die Qualität angeht. Diese Zeiten sind vorbei, was auch der letzte Chauvinist endlich zur Kenntnis nehmen sollte.


Das White River Ursus

Abgesehen vom Problem der hiesigen Verfügbarkeit, holt man sich mit einem Messer von White River echte Qualität ins Haus. Tolle Griffe, funktionale Geometrie und die Herstellung in einem Familienbetrieb mit einem gerüttelten Maß an Handarbeit finde ich persönlich sehr ansprechend. Das Ursus ist ein tadellos verarbeitetes Messer mit hohem Nutzwert, das Spaß macht und vielseitig einsetzbar ist. Der verwendete CPM S35VN ist eine Weiterentwicklung des CPM S30V. In der Praxis kann ich jedoch kaum einen Unterschied feststellen.


Andere Messer

Es gibt noch viele brauchbare Schneidewerkzeuge auf dem Markt. Wer auf das Budget achtet, dem seien etwa Messer von Condor Tool & Knife ans Herz gelegt. Auch mit einem Mora oder EKA (meine „Einstiegsdroge“) kann man wenig verkehrt machen.

Noch etwas: Fällt Euch auf, dass die Klingenformen meiner Lieblingsmesser sich alle ähneln? Das ist kein Zufall. Meiner Erfahrung nach sind Messer, die besonders martialisch oder futuristisch anmuten nur für eine Sache gut: martialisch und futuristisch anzumuten. „Form follows function“ ist bei Messern kein leeres Gerede und die klassischen Messerformen, wie sie seit Jahrhunderten verwendet werden, haben schon ihren Grund.

Geht in ein vernünftiges Fachgeschäft (etwa zu uns, hehe…) wo man die Messer auch einmal in die Hand nehmen kann und lasst Euch von selbsternannten Experten auf YouTube & Co. keinen „Ursus“ aufbinden. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist einfach eine Schlampe (sagt der Mann, der gerade einen Blog verfasst um damit Aufmerksamkeit… na ja…).

P.S.: Da wir bis zu unserer Unsterblichkeit von irgendetwas leben müssen, sei hier ein Hinweis gestattet. Alle erwähnten Messer sind – natürlich mit Ausnahme derjenigen, die nicht mehr produziert werden – bei uns erhältlich. Gerne erfüllen wir auch Sonderwünsche und bestellen nicht lagernde Ware, sofern dies möglich ist.

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